Phase 3: Analyse


Auf einen Blick

  • Ausgangssituation: Sie haben ein Steuerungsgremium für die Gesundheitsförderung an Ihrer Hochschule gebildet. Sie kennen die internen und externen Akteurinnen und Akteure in Ihrem Netzwerk. Sie haben eine Idee, mit welchen Analysemethoden Sie die Ansatzpunkte und Bedarfe erheben möchten. Sie haben einen ersten Überblick, welche Themenbereiche Sie in Bezug auf die studentische Gesundheitsförderung verbessern möchten und über die bestehenden Strukturen, die Sie dafür nutzen können. Sie haben die Studierenden entsprechend eingebunden.
  • Inhalt: In Phase 3 ermitteln Sie die Gesundheitssituation und die gesundheitlichen Belastungen der Studierenden an Ihrer Hochschule und die Bedürfnisse einzelner Zielgruppen.
  • Ziel: Am Ende dieser Phase haben Sie den Ist-Zustand erhoben, welcher Ausgangspunkt für die weitere Vorgehensweise und Umsetzung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention für Ihre Hochschule ist.

Status quo sorgfältig analysieren

Gesundheitsförderung ist ein weites Feld. Damit Sie gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen schaffen und gezielte Maßnahmen entwickeln und umsetzen können, benötigen Sie nun genauere Informationen zur gesundheitlichen Situation sowie der Bedarfe der Studierenden an Ihrer Hochschule. Berücksichtigen Sie dabei soziale, ökologische, ökonomische und kulturelle Aspekte.

Wie gesund sind die Studierenden Ihrer Hochschule?

Der Gesundheitszustand und die Wahrnehmung des eigenen Wohlbefindens setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen. Die sozialen Rahmenbedingungen, das individuelle Gesundheitsverhalten und das Umfeld sind wichtige Einflussfaktoren. Hinzu kommen die vorhandenen Ressourcen und Gesundheitskompetenzen. Studierende stellen eine heterogene Gruppe mit ganz unterschiedlichen gesundheitsbezogenen Erfahrungen, Voraussetzungen, Gewohnheiten sowie Belastungen dar. Einige ziehen erstmals von zu Hause aus, einige haben lange Pendlerwege, einige haben Kinder oder pflegen Angehörige. Auch der Studienzyklus stellt mit Semesterzeiten und Prüfungsphasen unterschiedliche Anforderungen an die Studierenden. Die Bedarfe sind für jede Hochschule individuell zu ermitteln, um daraus konkrete Handlungsfelder ableiten zu können.  

Die nachfolgenden Themenbereiche sollen Ihnen dabei helfen, den Bedarf gesundheitsfördernder Studienbedingungen und gesundheitsfördernder Maßnahmen einzuschätzen. Nutzen Sie diese als Grundlage für eine Gesundheitserhebung sowie zur Studiensituation an Ihrer Hochschule. Das Ergebnis gibt Ihnen Aufschluss darüber, welche gesundheitlichen Belastungen bestehen, wo Sie Einfluss nehmen können und wo Veränderungsbedarf für die Zielgruppe an Ihrer Hochschule besteht.

Persönliche Daten/Persönlicher Gesundheitszustand:

  • Familiensituation
  • Soziodemografische Daten
  • Allgemeiner Gesundheitszustand (körperlich, sozial, psychisch)
  • Gesundheitsbezogene Lebensqualität
  • Chronische Erkrankungen
  • Allgemeine Lebenszufriedenheit (Familie, Freunde, Studium, Job)
  • Depressives Syndrom und Ängste (z. B. während akuter Stressphasen)
  • Stresserleben und chronischer Stress
  • Körperliche Beschwerden (wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden, Schweißausbrüche)
  • Erschöpfungszustand (Burnout)

Gesundheitsverhalten:

  • Körperliche Aktivität
  • Sportliche Aktivität
  • Ernährung
  • Rauchgewohnheiten (Tabak und E-Zigaretten)
  • Alkoholkonsum
  • Substanzkonsum (Drogen)
  • Neuroenhancement (Einnahme von psychoaktiven Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung)
  • Konsum von Medikamenten
  • Koffeinkonsum
  • Absentismus und Präsentismus

Umfeld in der Hochschule (Auswahl):

  • Studienablauf
  • Studienorganisation inklusive Prüfungen
  • Willkommenskultur für Erstsemester
  • Angebote wie Verbesserungs- und Beschwerdemanagement
  • Ergonomische Gestaltung des Mobiliars in der Hochschule
  • Bewegungs- und Entspannungsangebote während der Vorlesungen (z. B. Bewegte Pause)
  • Bewegungsmöglichkeiten auf dem Campus (z. B. Sportgeräte, Bewegungsräume, Fitnessräume, Schwimmhalle)
  • Ruheräume, Lerninseln, Sozialräume, Gebetsraum
  • Vorhandene Gesundheitsangebote (Yoga, Hochschulsport, Kochevents, hochschuleigene Gesundheitsapps etc.)
  • Bestehende Beratungsangebote mit Gesundheitsfokus (z. B. Ernährungsberatung, Suchtberatung, psychosoziale Beratung, Konfliktberatung, Mentalstrategien)
  • Möglichkeiten zur ausgewogenen Ernährung (z. B. alkoholfreier Campus, Angebot der Mensa, an Snackautomaten, Wasserspender)
  • Rauchfreier Campus, Tabakentwöhnungsangebote, niedrigschwellige Online-Suchtprävention für Studierende
  • Lärmbelastung
  • Stellplätze für Fahrräder
  • Duschmöglichkeiten

Die genannten Themen orientieren sich an:
Lesener, T., Blaszcyk, W., Gusy, B. & Sprenger, M. Wie gesund sind Studierende der Technischen Universität Kaiserslautern? Ergebnisse der Befragung 06/18. Berlin, 2018.

Vgl. auch Grützmacher et al. (2018): Gesundheit Studierender in Deutschland 2017. Online unter: www.fu-berlin.de/gesund-studieren

Belegen Sie den Bedarf

In der Analysephase des Gesundheitsförderungsprozesses ermitteln Sie den konkreten Bedarf für die Studierenden zur Gesundheitsförderung an Ihrer Hochschule. Der Bedarf sollte durch eigene Erhebungen, wissenschaftliche Untersuchungen oder Befragungen in Ihrer Hochschule belegt werden. Denn valide Daten und Informationen überzeugen und bieten Ihnen eine starke Argumentationsgrundlage gegenüber allen Akteurinnen und Akteuren – von der Hochschulleitung über die Verwaltung bis hin zu Institutionen und finanziellen Unterstützern. Ihre Erhebungen sind zudem für die spätere Evaluation hilfreich.

Denkbar sind allerdings auch übergreifende Analysen, die Ansatzpunkte für sinnvolle Interventionen in der Hochschule bieten können, insbesondere für kleine Hochschulen.

Um die Gesundheitserhebung an Ihrer Hochschule effizient zu gestalten, bieten sich verschiedene Methoden an, die Sie auch kombinieren können:

  • Befragung von Studierenden (online und offline): Durch Befragungen können Bedarfe und Bedürfnisse konkret festgestellt und kausale Zusammenhänge beispielsweise zwischen Studiensituation und Stresserleben hergestellt werden. Wiederholte Befragungen tragen dazu bei, Veränderungen feststellen zu können.
  • Diskussionen in Fokusgruppen, bestehend aus mehreren Studierenden, zu gesundheitsbezogenen Themen wie Ernährung, Bewegung, Stressbewältigung oder auch zur Organisation des studentischen Gesundheitsmanagements. Der Vorteil von Fokusgruppen liegt in der kontroversen Diskussion von Problemen und deren Lösungen. Im Vordergrund stehen die Sichtweisen der Studierenden.
  • Tagebuchstudien von Studierenden: Über Tagebuchstudien können längerfristige Aussagen zu möglichen Problemen getroffen und kausale Zusammenhänge erstellt werden. So zum Beispiel zum Substanzkonsum in Folge erhöhter Stressbelastung.
  • Interviews mit Expertinnen und Experten: In diesem Kontext sind zum einen die Studierenden selber Expertinnen und Experten. Sie wissen am besten, wo Änderungs-/ Verbesserungsbedarf besteht. Zum anderen können Mitarbeitende an Schnittstellen/(z. B. Lehrende, Mensa- oder Bibliotheksmitarbeitende) eine hilfreiche Expertise haben.
  • Netzwerkanalysen in sozialen Medien: Über derartige Analysen können das Studier- und Leistungsverhalten, aber auch das Gesundheits- und Risikoverhalten von Studierenden analysiert werden.
  • Begehungen: Durch Begehungen, beispielsweise des Campus‘, können Mängel oder Probleme, wie beispielsweise zu wenig Fahrradständer, fehlende Bewegungsmöglichkeiten, fehlende Ruheräume o. ä. identifiziert werden.

Weitere Informationsquellen zur Gesundheitsförderung sind Gesundheitsberichte anderer Hochschulen oder von Krankenkassen.
Ein Beispiel ist der University Health Report: https://www.uhreport.de/index.php/university-health-report.html

TIPP

Turnusmäßige Gesundheitserhebungen

Um Veränderungen im Verlauf, Verbesserungen und Erfolge von Maßnahmen feststellen zu können, ist eine turnusmäßige Befragung sinnvoll, z. B. im Zwei-Jahres-Intervall. So können Sie Ergebnisse vergleichen, Tendenzen ablesen und Optimierungsbedarfe frühzeitig erkennen.

Hiermit können zudem die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen für psychische Belastungen bei Arbeitnehmenden und bei Studierenden erfüllt werden. Link zu: https://www.gda-psyche.de/DE/Home/home_node.html

Partizipative Beteiligung der Zielgruppe

Mit der Gesundheitserhebung kennen Sie den Bedarf an Ihrer Hochschule und können bereits erste kleinere Teilzielgruppen identifizieren (z. B. Erstsemester, Studierende mit Kindern, Studierende mit Bewegungsmangel). Im nächsten Schritt erfragen Sie die Bedürfnisse Ihrer Zielgruppen. Denn der objektive Nachweis eines Bedarfs bedeutet noch nicht, dass bei den Studierenden hier tatsächlich ein Bedürfnis besteht. Bedürfnisse können Sie nur erfragen. Ein partizipativer Ansatz ermöglicht es den Studierenden, den Gesundheitsförderungsprozess in der Hochschule aktiv mitzugestalten. Durch Partizipation kann eine stärkere Identifikation sowohl mit der Gesundheitsförderung als auch mit der Hochschule erreicht werden.

  • Wen möchten Sie beteiligen? Wer möchte beteiligt sein?
  • An welchen Prozessen möchten Sie beteiligen?
  • In welcher Form möchten Sie beteiligen (aufgabenbezogene Projektgruppe, Teilnahme an Sitzungen des Steuerungsgremiums)?
  • Welche Anforderungen stellen Sie an die Beteiligten (Qualifikation, Fachwissen, Erfahrungen)?
  • Wie können Sie Studierende einbeziehen (Zielentwicklung, Maßnahmenentwicklung, Evaluation, studentische Mitarbeit)?
  • Welche Entscheidungen sollen gemeinsam getroffen werden?

Auf welche Art und Weise Studierende an der Gesundheitsförderung in ihrer Hochschule teilnehmen können, variiert je nach Teilprojekt und Aufgabe. Vorstellbar sind beispielsweise die folgenden Formen:

  • Teilnahme an (anlassbezogenen) Arbeitskreisen oder Runden Tischen
  • Teilnahme an Informationsgesprächen, Arbeitstreffen, bei denen Zuständigkeiten und Aufgaben verteilt bzw. zugeordnet werden
  • Umsetzung von konkreten Projektbausteinen innerhalb der regulären Lehrveranstaltungen, hierzu zählen zum Beispiel das Projektmanagement oder die Auswertung von Daten
  • Teilnahme an Sitzungen der Projektsteuerung
  • Mitarbeit als studentische Hilfskraft

Entscheidungen treffen

Die Analysephase endet mit der Entscheidung des Steuerungsgremiums, welchen Themen der Gesundheitsförderung der Lebenswelt der Studierenden Sie sich in Ihrer Hochschule widmen werden. Die relevanten Themen wurden priorisiert und schriftlich festgehalten. Stellen Sie sicher, dass die Entscheidung von der Hochschulleitung getragen wird. Kommunizieren Sie diese Entscheidung als Auftakt zu einer gesundheitsfördernden Hochschule! Optimal ist, wenn hierfür die Studierenden ein Kommunikationskonzept entwickeln, das die gewünschte Zielgruppe anspricht.

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